Nachweisproblematik zahnmedizinischer Behandlungsfehler bei craniomandibulärer Dysfunktion 

Das Oberlandesgericht (OLG) Köln hat mit Urteil vom 19.11.2014 (Az.: 5 U 166/12) entschieden, dass sich eine fehlerhafte Veränderung des Bisses nicht allein daraus ableiten lasse, dass bei dem betroffenen Patienten Schmerzen im Bereich der Kiefergelenke und der Kaumuskulatur aufgetreten sind. Eine dieser Symptomatik zu Grunde liegende craniomandibuläre Dysfunktion (im Folgenden: CMD) könne unterschiedliche Ursachen haben. Ob der behandelnde Zahnarzt einen Biss fehlerhaft verändert und die Okklusion fehlerhaft ausgeführt hat, sei eine Frage des Einzelfalles und lasse sich vorliegend nicht mit Sicherheit beweisen. 

Zum Sachverhalt

Die klagende Patientin befand sich seit 2003 in der zahnärztlichen Behandlung des Ehemanns der Beklagten (im Folgenden: Zahnarzt), der Zahnarzt war, zwischenzeitlich verstorben ist und insofern von der Beklagten beerbt worden ist.

 

Der Zahnarzt versorgte die klagende Patientin im Dezember 2003 nach der Fertigung von Bissmodellen bzgl. der Zähne 14 bis 17, 24 bis 27, 46 und 47 mit Inlays und (Teil-) Kronen, welche eingegliedert wurden. Im Anschluss an die Behandlung gab die Klägerin an, auf der linken Seite nicht mehr schmerzfrei aufbeißen zu können. Ab März 2004 begab sich die Klägerin in weitere Behandlung eines Nachbehandlers, der eine CMD diagnostizierte. Daraufhin wurde die vom Zahnarzt eingegliederte Versorgung entfernt, und es wurden Langzeitprovisorien eingesetzt.

 

Die Haftpflichtversicherung des Zahnarztes hatte daraufhin bereits im Mai 2008 einen Schmerzensgeldvorschuss in Höhe von 3.000,00 € gezahlt.

 

Mit der hiesigen Klage machte die Klägerin ein Schmerzensgeld in Höhe von mindestens weiteren 15.000,00 € geltend und verlangte weiteren materiellen Schadensersatz, und zwar mit der Argumentation, der Zahnarzt habe ihren Biss dahingehend fehlerhaft verändert, dass ihr Kauvermögen stark eingeschränkt sei und sie unter starken Schmerzen (insbesondere Rückenschmerzen) leide.

 

Die Entscheidung des OLG:

Das OLG sah – entgegen der Erstinstanz – zwar die klägerseits geltend gemachten Ansprüche nicht als verjährt an. Gleichwohl wies das OLG die Klage ab, da es einen Behandlungsfehler des Zahnarztes nicht feststellen konnte.

 

Denn – so das OLG – aus den erhobenen Befunden könne nicht auf eine fehlerhafte Veränderung des Bisses und Ausführung der Okklusion geschlossen werden. Zwar habe sich im Rahmen der Begutachtung eine Distanz zur Gegenbezahnung von 1,5 mm gezeigt. Gleichwohl sei es jedoch unwahrscheinlich, dass dieser Befund dem Zustand entsprochen habe, der bei Beendigung der Behandlung durch den Zahnarzt bestanden habe. Diese Distanz habe – so das OLG – auch bei äußerst unsorgfältiger Arbeit kaum entstehen können. Eine fehlerhafte Veränderung des Bisses lasse sich auch nicht durch die aufgetretenen Schmerzen im Bereich der Kiefergelenke und der Kaumuskulatur begründen, da auch orthopädische Erkrankungen wie Blockaden der Wirbelsäule oder psychische Faktoren ursächlich sein könnten.

 

Hinzu komme, dass die Klägerin seit 2003 insgesamt 6x an der Halswirbel- und Lendenwirbelsäule operiert worden sei und sich überdies in psychiatrischer Behandlung wegen einer depressiven Symptomatik befunden habe. Daher lasse sich nicht mit Sicherheit feststellen, ob eine falsche Okklusion bei der Entstehung der Beschwerdesymptomatik mitgewirkt habe.

 

Fazit:

Nach gegenwärtigen Erkenntnissen leiden mehr als 10.000.000 Menschen in Deutschland unter einer Fehlstellung des Unterkiefers zum Oberkiefer, wobei das Erscheinungsbild der CMD (= Überbegriff für strukturelle, funktionelle, biochemische und psychische Fehlregulation der Muskel- oder Gelenkfunktion der Kiefergelenke) sich in vielfältigen Symptomen zeigen kann, die nicht auf den ersten Blick erkennbar auf ein zahnmedizinisches Problem schließen lassen. Zu den meisten Beschwerden zählen insoweit meist ausstrahlende Schmerzen in Zähnen, im Mund, im Gesicht, im Kiefer, im Nacken, in den Schultern, im Rücken und innerhalb der Wirbelsäule. Teilweise können entsprechende Beschwerden aber auch im Becken und in der Hüfte auftreten.

 

Dies vorausgeschickt sind in diesem Zusammenhang in der Rechtsprechung bislang erst einige wenige Einzelfallentscheidungen ergangen. So hat das OLG Köln mit der Entscheidung vom 23.08.2006 (Az.: 5 U 22/04) festgestellt, dass dann, wenn eine vorbestehende CMD diagnostiziert worden war, das Unterlassen einer funktionellen und funktionstherapeutischen Behandlung vor der Therapie einen groben Behandlungsfehler darstelle, wenn die Diagnose bereits vor Behandlungsbeginn vorlag.

 

Sofern das Erkrankungsbild der CMD erst während oder nach der prothetischen Behandlung auftritt und eine Diagnose im Vorfeld in nicht zu beanstandender Weise unterblieben ist, liegt nach der Entscheidung des OLG Köln v. 02.05.2011 (Az.: 5 U 10/11) hingegen keine Verletzung des zahnärztlichen Standards vor.

 

Schließlich hat das OLG Hamm mit der Entscheidung vom 04.07.2014 (Az.: 26 U 133/13) festgestellt, dass bei Vorliegen einer CMD ein grober zahnärztlicher Behandlungsfehler zu bejahen sei, wenn – ohne zuvor eine funktionelle Therapie durchzuführen – sofort die endgültige prothetische Versorgung durchgeführt wird, ohne weiter abzuwarten.

 

Unter Berücksichtigung des Vorstehenden ist die hiesige Entscheidung des OLG Köln vom 19.11.2014 eine – soweit ersichtlich – (weitere) Einzelfallentscheidung, in der letztlich nach Auffassung des erkennenden Gerichts die Kausalität der prothetischen Behandlung für die Entstehung der CMD nicht nachgewiesen werden konnte.