Grober Behandlungsfehler bei Überkronung trotz unbehandelter Grunderkrankung 

Das Landgericht (LG) Bochum hat mit dem Urteil vom 07.01.2015 (6 O 365/13) festgestellt, dass ein grober Behandlungsfehler darin liege, dass ein Zahnarzt einem Patienten zu einer Überkronung von gesunden Zähnen rät, obwohl die Grundproblematik in einer nicht behandelten chronischen Parodontose und elongierten Zähnen zu sehen ist.

Sachverhalt:

Die klagende Patientin machte in dem vorliegenden Rechtstreit Schmerzensgeld und Schadenersatz aufgrund einer zahnärztlichen Fehlbehandlung geltend. Bei der Klägerin wurde eine prothetische Neuversorgung der Zähne 11, 12, 21, 22, 25 und 37 mit Vollkeramikkronen in mehreren Behandlungen vorgenommen. An den Zähnen 11 und 37 mussten endontische Behandlungen (= zahnerhaltende Maßnahmen) erfolgen. Im Ergebnis musste der Zahn 37 extrahiert und an Zahn 21 ebenfalls eine endontische Behandlung eingeleitet werden. Für die Überkronung der Frontzähne mussten diese angeschliffen werden.

 

Auf dieser Basis behauptete die Klägerin, dass die Überkronung medizinisch nicht indiziert gewesen sei. Durch das Anschleifen habe sie ein Schleiftrauma erlitten und das Dentin sei nicht vollständig mit Kronen überdeckt gewesen. Nach dem Einsatz der Kronen habe ein ästhetischer Mangel vorgelegen, der die Klägerin entstellt habe. Sie habe durch die nicht indizierte Behandlung erhebliche Schmerzen erlitten.

 

Die beklagte Zahnärztin behauptete hingegen, die Klägerin habe im Vorfeld bereits elongierte Zähne gehabt, so dass sich ein typisches Risiko verwirklicht habe, als nach der Überkronung eine Devitalität eingetreten sei. Die Klägerin sei vorab darauf hingewiesen und über unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten informiert worden.

 

Die Entscheidung des Landgerichts:

Das LG Bochum hat der Klage weitestgehend stattgegeben. Das Landgericht stellte fest, dass bei der Klägerin zwar eine Grunderkrankung in Form einer chronischen Parodontitis bestand, die Frontzähne elongiert und nach vorne gewandert waren. Dies allein habe jedoch noch keine prothetische Versorgung gerechtfertigt, zumal eine solche weder die Grunderkrankung noch die kosmetische Problematik behoben hätte. Selbst wenn die Klägerin – wie von der Beklagtenseite vorgetragen – eine derartige Behandlung aus kosmetischen Gründen strikt verlangt hätte – hätte der beklagte Zahnarzt einer solchen Bitte nicht Folge leisten dürfen, sondern vielmehr der Klägerin mit deutlichen und drastischen Worten vor Augen führen müssen, dass mit einer solchen Behandlung schwerwiegende Risiken für die bisher noch gesunden Zähne verbunden sein würden.

 

Aufgrund der bisherigen Schädigungen (= Abschleifen der gesunden Zähne, Schmerzen) und des zu erwartenden Umstandes, dass die Überlebensprognose der Zähne 11 und 21 erheblich verschlechtert wurde, hielt das LG ein Schmerzensgeld in Höhe von 6.000,-- € für angemessen und ausreichend. Zudem sprach das Landgericht der Klägerin einen Schadenersatz in Höhe von 1.200,-- € zu, und zwar als geschätzten Anteil für das geleistete Zahnarzthonorar für die Zähne 11, 12, 21 und 22. Dabei hätten – so das LG – die Voraussetzungen für die Rückzahlung des geleisteten Honorars vorgelegen, da das Vorgehen des beklagten Zahnarztes grob fehlerhaft sei und die Leistungen unbrauchbar gewesen seien.

 

Fazit:

Die hier in Rede stehende Entscheidung des LG Bochum (a.a.O.) entspricht dem Grundsatz der bisherigen ersichtlichen obergerichtlichen Rechtsprechung hinsichtlich der zahnärztlich notwendigen Behandlung im Vorfeld einer prothetischen Versorgung bei bestehenden Grunderkrankungen.